Von Drachen und Menschen

 

Vorgeschichte. 1

Frühlingserwachen.. 3

Kleiner Drache ganz groß.. 4

Durch Wüsten und Wälder. 7

Lulu.. 10

Rokina. 12

Lichtgewitter. 15

Der Sumpf der verlorenen Seelen.. 17

Die rote Perle Karlodorns. 20

Glutwolke. 25

Die Lichtperle. 28

Ostwind. 32

Greta vom Eiswald. 33

Feuerballblume. 38

Julga und Bulga. 40

Der Rückweg. 44

Karlodorns Garten.. 46

Sonnenregen.. 49

Die verschwundene Kreuzung. 50

Clarissa. 52

Labyrinth.. 54

Clarissas Geheimnis. 57

Der Schatten der Wahrheit 59

Shalilas Band. 63

Verborgen.. 64

Bin gleich zurück. 68

Es gab einmal eine Zeit, in der die Drachen und Menschen in friedlichem Einklang miteinander lebten. Es waren wundervolle Tage, Tage der Harmonie und des Glücks. Die Drachen halfen den Menschen Feuer zu entfachen, die Menschen gaben ihnen dafür ein Heim in ihrer Mitte.

Eines Tages jedoch geschah es, dass ein Haus in Flammen aufging und die Menschen die Schuld den Drachen gaben. Sie wurden verbannt, weit weg von alldem, was ihnen bisher lieb und teuer war. Die Drachen zogen sich zurück ins weit entfernte Kristallgebirge, wo sie von da ab in Höhlen wohnten.

Den Menschen wurden gar nicht gewahr, was sie da getan haben, denn Drachen sind die Bewahrer der guten Eigenschaften der Menschheit. Sie ignorierten, dass ihnen von diesem Tag an ein Stück ihres Selbst fehlte. In ihrem Hochmut sagten sie sich: "Wer braucht schon Drachen, inzwischen können wir selbst Feuer machen und es am Brennen halten. Verbannen wir sie für immer aus unseren Leben." Und so geschah es auch.

Die Menschen taten den ersten Schritt. Sie lernten sich alles zu Eigen zu machen. Der Nährboden für den Neid war aufgetan. Die Menschen hatten auf einmal Augen für das, was andere konnten, wurden neidisch darauf und habgierig. Mit den Drachen verschwanden auch die Träume aus ihrem Leben. Es begann nur noch das zu zählen, was man hat und nicht das, was man ist.

Der Friede war vorbei.

Die Drachen im Kristallgebirge beobachteten von Weitem, was sich die Menschen da antaten. Sie weinten nach innen, so dass ihr Feuer erlosch und die meisten aus Kummer daran starben. Es blieben nur noch sehr wenige übrig.

Unter den Drachen wurde eine Legende geboren. Sie erzählte von dem ersten Drachen, der irgendwo ganz weit draußen hinter der Milchstraße wohnt. Er weinte auch über das Schicksal, dass den Drachen und den Menschen widerfuhr. Jede seiner Tränen verwandelte sich in eine Perle, die Drachen nannten diese die Perlen der Weisheit. Sollte es gelinge, jede einzelne von ihnen zu finden und zu einer Kette zu knoten, so würde das Glück auf die Erde zurückkommen.

Die Drachen wussten, dass hinter jeder Legende ein Stückchen Wahrheit steckt. Sie begannen zu warten, zu warten, dass ein Wunder geschieht.

Nach fast unendlich scheinender Zeit geschah das Wunder an einem Frühlingsmorgen.

Die sieben letzten der Drachen, die seit Jahrhunderten in ihren Höhlen im Kristallgebirge wohnten, erwachten gleichzeitig aus einen langen Schlaf bei Sonnenaufgang.

Wie durch eine magische Kraft befohlen traten sie vor ihre Höhlen. Und dann standen sie da im Sonnenschein auf der Wiese, die letzten sieben ihrer Art. Sie sahen sich erst gar nicht, durch das lange Leben in der Dunkelheit der Höhle waren sie fast blind geworden. Die Drachen blinzelten im Sonnenschein, dann begann sie sich langsam zu erkennen und zu erinnern, was sie einst waren.

Da war Grodor, der purpur Drache mit den Augen, aus Amethyst. Er war einst der Bewahrer des Geistes.

Dann der rosafarbene Drache mit den Rosenquarzaugen, der Bewahrer Empfindsamkeit, sein Name war Hebion.

Der blaue Drache mit den goldenen Schuppen und den Lapizaugen reckte sich. Dessen Name war Schadog, der Bewahrer der Ehrlichkeit.

Neben ihm Japos, der Bewahrer der Lebendigkeit, dessen Hämatitaugen leuchteten und seine Schuppen schwarzsilbern im Sonnenschein schimmerten.

Noch unsicher auf den Beinen fühlte sich Apagon, der grüne Drache mit den Jadeaugen, der der Bewahrer des inneren Friedens war.

Der Bewahrer der Gesundheit, Lador, fing an zu lächeln, seine Bersteinaugen und seine Bersteinschuppen glimmten.

Der letzte der sieben, Robion, der Bewahrer des Selbstbewusstseins, schillerte in seinem Perlmut und fand als erster die Sprache.

"Ich dachte, ich wäre alleine." Die anderen nickten ihm zu, das Gleiche dachten sie auch von sich. "Es ist schön euch zu sehen, wenn wir auch nur noch wenige sind."

"Ich hab so lange geschlafen" Grodor klang noch ganz heiser. "Ein Traum hat mich geweckt, ein Traum vom ersten Drachen, von Zeralon."

Sie hatten alle sieben den gleichen Traum, aus dem sie erwacht waren. Zeralon war ihnen erschien. Er sprach zu ihnen, dass sein Wunder anfängt zu wirken.

Keiner verstand noch so richtig, was gemeint war, dann sahen die sieben Drachen das Wunder. Auf der Wiese lag ein Drachenei, welches im Sonnenlicht in all den bekannten Farben und auch in Farben, für die es bisher keinen Namen gab, schillerte.

Dies musste das Wunder sein, von dem Zeralon zu ihnen im Traum sprach, denn seit Jahrhunderten wurde kein neuer Drache mehr geboren. Die alten Drachen warteten im wärmenden Sonnenschein darauf, dass das Ei aufbricht und eine neue Hoffnung das Licht der Welt erblicken würde.

Als die Sonne am Höchsten stand geschah es dann. Aus dem Ei schlüpfte ein kleiner Drache, der in all den Farben strahlte, welche sie schon auf der Schale gesehen hatten. Da wussten die sieben Drachen, dass sie selbst und ihre vergangenen Freunde in diesem kleinen Drachen wiedergeboren wurden.

Sie gaben ihm den Namen Parodium.

In den folgenden Jahren vermittelten die sieben alten weisen Drachen dem kleinen Parodium ihr Wissen aus alter Zeit. Der Kleine lernte sehr schnell, sehr eifrig. Die sieben alten Drachen freuten sich so sehr, ihnen wurde immer ganz warm ums Herz, fast so, als würde ihr Feuer aus alten Tagen zurückkehren.

Die alten Drachen lebten mit dem kleinen Parodium jetzt in einer großen Höhle, zusammen, nicht mehr jeder für sich alleine. Immer wieder neue Geschichten erzählten sie ihm, Geschichten von Güte, Liebe, Sehnsucht, auch von Schmerzen, dem Verlassensein. So lernte der Kleine, es gibt Licht und Schatten, aber auch, dass man Schatten mit Licht erfüllen kann. Besonders mochte er die Erzählungen aus alter Zeit, wo die Menschen und die Drachen gemeinsam lebten. Er versuchte zu verstehen, warum die Menschen die Drachen vertrieben hatten, somit sich auch einem Leben ohne Wünsche und Träume hingaben. Er verstand es nicht. Träume sind so etwas Wundervolles. Er träumte sehr viel, der kleine Drache und egal, wie lieb er auch die alten Drachen hatte, er sehnte sich danach, mit Menschen zusammen zu leben.

Eines Tages erzählte er den alten Drachen von seinem Wunsch. Schadog fasste sich als erster wieder und sprach zu dem Kleinen: "Es wird dein Auftrag im Leben sein, dies Wunder zu vollbringen. Wir sieben wissen davon, wir haben es zusammen geträumt." Die anderen Drachen nickten ihm schweigend zu.

"Wie soll ich das denn schaffen? Ich bin doch klein. Ihr seit groß und habt es nicht geschafft." Es klang etwas verzweifelt, wie es aus dem Mund von Parodium kam. Robion versuchte ihn zu trösten: "Deine Zeit wird kommen, du wirst wissen, wenn sie da ist. Ganz sicher." Der kleine Drache glaubte ihnen, denn sie haben ihn noch nie belogen, Drachen können nicht lügen, sie kennen keine Boshaftigkeit oder Arglist. Sie kennen das Miteinander und Füreinander.

So gingen noch einige Jahre ins Land. Er lernte und lernte unaufhörlich. Inzwischen war er groß und kräftig, seine Farben hatten eine Leuchtkraft, die die Berge des Kristallgebirges widerspiegelten und die Welt herum in ein phantastisches Licht tauchten. Wenn man dieses Licht sah machte sich Zufriedenheit im inneren Breit.

In einer Frühlingsnacht, es war die Nacht zu seinem hundertsten Geburtstag, erschien im Zeralon, der erste Drache, in seinen Träumen. Dieser sprach zu ihm:

"Ich habe über das Schicksal der Drachen und Menschen vier Tränen geweint. Aus den Tränen wurden vier bunte Perlen. Eine davon ist gelb. Sie enthält die Fröhlichkeit, das Licht und die Freude. Eine weiter, die grün ist. Sie umschließt die Hoffnung und die Wünsche, die in Erfüllung gehen. Die dritte ist eine rote Perle, in ihr die Wärme und die Liebe. Danach weinte ich noch eine letzte Perle, eine blaue. In ihr ist die Tiefe der Seele enthalten.

Nun ist es an der Zeit, dass du diese Perlen suchen gehst im Norden, im Süden, im Osten und im Westen. Du kannst jedoch nicht alleine gehen. Das Schicksal der Drachen und der Menschen ist miteinander verbunden. Suche als erstes den Menschen, der noch träumen kann. Dieser Mensch wird dir helfen sie zu finden."

"Wie soll ich das denn anstellen? Ich bin nicht klug genug.", der Drache hatte etwas Angst, er war ja noch ein Kind, 100 Jahre sind für einen Drachen eine kurze Zeit.

"Du brauchst keine Angst zu haben, du weißt genug, jetzt ist es an der Zeit, dein Wissen ein zusetzten." Mit diesen Worten verschwand Zeralon aus dem Traum.

Parodium erwachte, er weckte die alten Drachen und erzählte, was ihm im Traum widerfahren ist. Sie nickten. Apagon sprach zu ihm: "So sei es. Geh auf deinen Weg und beschreite ihn. Wir werden im Gedanken immer bei dir sein. Lasse dich von deinen Träumen leiten. Jeder von uns wird dir eine Schuppe von sich mit auf deinen Weg geben. Wenn du nicht mehr weiter weißt, nimm sie, drücke sie an dein Herz, dann denk ganz fest an uns, somit kannst du uns rufen. Wir stehen dir zu Seite, wenn es in unserer Macht steht."

Der Abschied fiel allen sehr schwer, doch jeder von ihnen wusste, wenn es gelänge, dann kämen die goldenen Zeiten auf die Erde zurück, wo die Drachen und die Menschen in Harmonie miteinander leben könnten.

So machte sich Parodium mit sieben schimmernden Drachenschuppen auf den Weg ins Ungewisse, auf die Suche nach dem Menschen, der noch träumen kann.

So begann Parodium seine Wanderung, heraus aus dem Kristallgebirge, durch die Weite der Sandwüste, durch die Kälte der Eiswüst, durch die Dunkelheit der Nadelwälder, durch die rauschenden Laubwälder bis hin zum weiten Meer. Er kannte keiner dieser Landschaften bisher, ist er doch in der Obhut der sieben alten Drachen im Kristallgebirge aufgewachsen.

Die Menschen, denen er begegnen sollte kannten nur die Geschichte von den bösen Drachen, welche die Erde in Schutt und Asche legen wollten. Diese wurde über Generationen weiter gegeben und nicht die, welche erzählte, wie sie in Glück zusammenlebten.

In der Sandwüste war er knapp am verdursten, aber seine innere Stimme trieb ihn weiter bis zu einer Oase, wo er zum ersten Mal in seinem Leben auf Menschen traf. Er freute sich auf diese Begegnung, hatte er doch so lange darauf gewartet. Aber was taten diese Menschen? Sie rannten schreiend davon, riefen laut etwas von Monster und von bringt alles in Sicherheit. Der Drache war verwirrt, er wollte ihnen doch gar nichts tun, nur mit ihnen reden. Da war aber nichts zu machen. Es stillte seinen Durst am Brunnen und ging weiter.

Seine Begegnung mit den Menschen der Eiswüste war auch nicht sehr erfolgreich. Ihm war bitterkalt. Er sah sie in der Ferne, aber in diesem Augenblick musste er niesen und aus seiner Nase spie das Drachenfeuer, plötzlich und unerwartet. Die alten Drachen hatten ihm erzählt, dass die Drachenfeuer erloschen wären, jedoch nicht bei ihm, denn er hatte ja noch nicht innerlich weinen müssen. Wie auch in der Sandwüste rannten die Menschen vor ihm davon, hatten Angst, er wolle sie grillen und verspeisen. Er dachte so bei sich, falls hier der Mensch wäre, der noch träumen kann, dann würde er nicht vor mir weglaufen, er würde mich erkennen. So machte er sich selbst Mut und führte seinen Weg fort.

Die Dunkelheit des Nadelwaldes ließ ihn etwas mulmig werden. Er konnte den Weg nicht sehen, er war nur in der Lage ihn zu ertasten. Mit einem Male hatte er aber den erleuchtenden Gedanken. Er sammelte sich etwas Reisig vom Boden und entbrannte sich mit seinem eigenen Drachenfeuer eine Fackel. Die Dunkelheit schwand, ihm war wohler. Auch hier traf er auf Menschen, diese rannten einmal nicht schreiend weg. Sie bestaunten, was er da eben mit der Fackel gemacht hatte. Ein Mann sagte zu ihm: "Mit deiner Kunst können wir aber reichlich Moos machen, komm mit mir. Ich werde dich in einem Käfig in der ganzen Welt herumzeigen." Der Drache erwiderte aber, dass ihm Moos nicht schmecke, er hätte es am Baum probiert, aber er braucht das nicht und in einen Käfig wolle er sich auch nicht stecken lassen. Der Mann lachte ihn aus: "Ich mein doch Geld, Geld ist Macht. Ich würde ein mächtiger Mann werden." Der Drache schüttelte mit dem Kopf und zog weiter. Die Menschen ließen ihn auch unbehelligt weiterziehen, denn insgeheim hatten sie Angst vor der Macht des Feuers.

Die Menschen des Laubwaldes bestaunten ihn. Sie boten ihm auch Geld, würden ihn für seine Dienste bezahlen, gut bezahlen. Er sollte ihre Waffe sein für einen Krieg gegen die Menschen im Nadelwald. "Warum wollt ihr Krieg gegen diese Menschen führen? Sie tun euch doch nichts." fragte der Drache verdutzt. "Sie nehmen uns Geschäfte weg mit ihrem Holzhandel, wir verdienen weniger Geld durch sie. Wenn wir sie aus ihrem Gebiet vertreiben gehört das Holz uns und wir verdienen dann das Geld."

"Es ist doch genug Holz da für alle und hungern müsst ihr doch nicht." antwortete der Drache. "Du hast ja keine Ahnung, du Drache! Geld ist Macht." riefen ihm die Leute des Laubwaldes entgegen. Er verließ sie kurze Zeit später wieder und machte sich weiter auf seiner Wanderschaft.

Dann sah er das Meer. Es war überwältigend. Ein wenig bekam er Heimweh, als er das kristallklare Wasser sah, es erinnerte ihn sehr an das Kristallgebirge. Als er sich die Wolken betrachtete, war ihm so, als sähe er die sieben alten Drachen in ihnen. Sie lächelten ihm entgegen. Er fasste neuen Mut dadurch. Wenn Drachen schon mal lächeln, dann ist das etwas ganz besonderes.

Parodium lief am Meer entlang, betrachtete sich den endlos scheinenden Horizont und fragte sich, wann er endlich den Menschen treffen würde, der in der Lage ist zu träumen. Wie er wohl aussieht? Groß, stark, schlau. Ja, so musste er sein.

In seinen Gedanken versunken stolperte er fast über ein kleines Mädchen, welches da ganz alleine weinend am Stand saß.

Parodium war erst verwirrt. Ein solches menschliches Wesen hatte er bisher noch nicht gesehen. Da saß sie, klein, zusammengekauert und weinte bitterlich.

"Wieso weinst du denn? Auf meiner Reise habe ich bisher keinen Menschen weinen sehen."

Das kleine Mädchen schrak etwas zusammen, sie hatte den Drachen gar nicht bemerkt, auch nicht, als er fast über sie gestolpert ist. "Ach weißt du, alle sind so gemein zu mir. Sie spotten über mich und schimpfen  mit mir.", sie schluchzte ihm das entgegen.

"Warum?" wollte der Drache wissen.

"Sie sagen, ich wäre anders. Ich sehe mir gerne an, wenn der Regen auf die Wiesen fällt, dann kann ich kleine Formen entdecken, die kein anderer sieht. Ich male Bilder von Blumenwiesen, mit Blumen die es gar nicht gibt. Für mich sind sie jedoch wirklich. Ich sehe Gestalten in Wolken, auch Drachen, so wie du einer bist. Die anderen Kinder nennen mich deshalb Spinner, sie sagen, das wäre eh nur Wasserdampf. Sie sagen, ich solle mich lieber auf die wichtigen Dinge konzentrieren, lernen was in unseren Büchern steht. Ich finde, da steht nur Blödsinn drin. Ich fragte unseren Lehrer, warum ich mit 12 wissen muss, was für ein Bruttosozialprodukt unser Nachbarland hat. Ich will spielen, ich will malen, ich will doch nur Kind sein."

"Es ist wohl so bei den Menschen." entgegnete der Drache. "Anders sein ist nicht einfach. Vor mir rannten die meisten Menschen schreiend davon und ich tue keinem etwas. Wie heißt du denn?"

"Ich heiße Lulu und du?"

"Mein Name ist Palodium."

"Das ist ein seltsamer Name. So einen hab ich noch nie gehört."

"Einer meiner Lehrer erklärte mir, dass er aus der alten Drachensprache kommt, die seit Jahrtausenden nicht mehr gesprochen wird. Palodium bedeutet: Der Wiederbringer."

"Was sollst du denn wiederbringen?"

"Wenn ich das so ganz genau wüsste. Ich hatte einen Traum, ich soll vier Perlen suchen. Wenn ich die gefunden habe, dann soll ein Wunder geschehen."

"Eine gelbe, eine grüne, eine rote und eine blaue Perle." sprach das Mädchen ganz aufgeregt.

"JA! Woher weißt du das?", der Drache war ganz hektisch.

"Ich träumte letztens von einem alten Drachen, der sagte mir das. Er erklärte mir, dass ein kleiner Drache eines Tages zu mir kommt, der meine Hilfe benötigt. Ich fragte ihn, warum meine? Er entgegnete: Weil du gerade träumst.

Ich habe das niemandem erzählt, denn weißt du, träumen ist verboten bei den Menschen. Ich weiß zwar nicht warum, aber man darf es nicht. Ich hab mal gefragt aber keine Antwort erhalten."

"Lulu, liebe Lulu, dann bist du der Mensch, den ich suchen muss. Ich hab dich gefunden und das schon nach so kurzer Zeit."

"Wieso ich?"

"Mir sagte der Drache, er heißt Zeralon, der erste Drache überhaupt, dass ich den Menschen finden müsse, der noch träumen kann. Das bist anscheinend du. Du hattest fast den selben Traum. Lass uns die Perlen suchen und wenn wir sie gefunden haben, dann wird das Zeitalter zurückkehren, indem die Drachen mit den Menschen in Frieden und Harmonie leben könnten. Es waren sehr glückliche Zeiten, voll mit Träumen und voller Hoffnung."

"Hier werde ich eh nur ausgelacht. Ich werde dich begleiten. Mich wird auch keiner vermissen, ich bin eh nur das seltsame Mädchen, welches alle stört. Sie werden froh sein, wenn ich nicht mehr da bin."

So haben sich Parodium und Lulu gefunden. Aber was nun? Sie hatten keine Ahnung, wo sie mit der Suche beginnen sollten, wohin sie gehen sollten. Nur eins wussten sie, sie wollten die vier bunten Perlen finden, im Norden, im Süden, im Osten und im Westen. Und was auch geschehen wird, eine Freundschaft hatte begonnen.

Parodium und Lulu entschlossen sich für einen Weg in den Norden. Wo Norden war, das wusste der kleine Drache, denn die alten Drachen hatten ihm sehr viel über den Sternenhimmel erzählt. Die Sterne zeigten ihnen die Richtung. Im Norden stand ein großes Sternbild, dass die Drachen Schowandu nannten. Schowandu war einst ein sehr berühmter Drache, man erzählt sich, dass er ein Dorf gerettet hatte, indem er mit seinen Flammen eine riesige Flutwelle verdampfte, die das kleine Dorf zu zerstören drohte. So bekam das Sternbild des Nordens, das die Form einer riesigen Welle hatte, seinen Namen.

Drachen haben von Urzeiten an einen guten Orientierungssinn, so dass Parodium die Richtung auch am Tage kannte. Für Lulu war es jedoch immer spannend, ob das auch so war. Sobald die Sterne am Abendhimmel erschienen schaute sie nach, ob sie noch in die richtige Richtung liefen. Der kleine Drache irrte sich nie.

In den Norden führten zwei Wege von dem Ort, wo sie sich begegnet waren. Einer dieser Wege war sehr breit, sehr eben, er sah wirklich einladend aus. Der andere Weg war ein kleiner Weg, hoppelig und stoppelig. Lulu entschied, welchen Weg sie gehen würden.

Sie erklärte Parodium ihre Wahl: "Ich weiß, wo dieser breite, schöne Weg hinführt. Da war ich schon einmal. Er führt in eine große Stadt, diese ist schwer bewacht von Soldaten. Du kennst ja den Ruf, den die Drachen in dieser unserer Welt leider haben. Ich glaube zu wissen, dass sie es sehr bedrohlich finden würden, wenn ein Drache auf die Stadt zu kommen würde, noch dazu in der Begleitung eines kleinen Mädchens. Sie würden dich bestimmt angreifen, um mich zu befreien." Das war für den Drachen eine einleuchtende Erklärung, also beschritten sie den holprigen Weg, wo der allerdings hinführte, das wusste Lulu auch nicht. Sie fühlte sich so sicher bei dem Drachen, dass ihr das Ungewisse gar nichts ausmachte.

Sie begegneten auf ihrer Wanderung immer wieder Menschen, Menschen, die eines gemeinsam hatten: Furcht vor dem Drachen. Eine Furcht, die Menschen vor dem Unbekannten haben. Manche von ihnen fassten Mut, riefen Lulu zu, sie solle doch wegrennen, bevor der Drache ihr etwas zu Leide tut. Sie blickten immer ziemlich unverständig drein, wenn Lulu nur rief: "Er tut doch niemanden was, ich habe keine Angst!"

Sie kamen an einen wunderschönen silbrigblau glänzenden See vorbei. Parodium hielt diesen Platz für ein geeignetes Nachtlager. Sie angelten sich aus diesem See ein paar Fische, die sie über dem Lagerfeuer in ein köstliches Mahl verwandelten, aßen ein paar süße Beeren, die sie an den Sträuchern rund um den See fanden und tranken von dem silbrigblauen klaren Wasser des Sees. In dieser Nacht träumten sie wieder einmal den selben Traum. In diesem Traum kam der See vor, an dem sie sich nun befanden. Beide sahen eine Mulde unter den Sträuchern, in welcher etwas lag. Was es war, das konnten sie nicht so genau sehen. Es glimmte in einem bläulichen Licht, es war sehr schön an zu sehen, da waren sich beide einig, als sie sich am Morgen ihren Traum erzählten.

"Dann lasse uns diese Mulde doch suchen." Lulu stimmte ihm sofort zu, sie war so neugierig, was sie da im Traum denn wohl gesehen hatte.

Nachdem sie zwei Stunden um den See gelaufen waren, hörten sie ein leises Weinen ganz in der Nähe unter einem der Sträucher. Beide wussten sofort, dass sie dieses bläulich glimmende Etwas nun gefunden hätten. Ja, da war sie, die Mulde und es lag etwas darin, etwas das weinte.

"Warum weinst du denn?" fragte der kleine Drache.

"Ich löse mich auf, wie schon meine Eltern, Geschwister, Onkeln und Tanten. Meine ganzen Freunde sind auch verschwunden."

"Auflösen? Wie denn das?" fragte Lulu erschrocken.

"Wisst ihr denn nicht, dass Feen aus den Glimmfäden gesponnen werden, die nur dann entstehen, wenn die Menschen schöne Träume haben? Da kaum Träume mehr am Leben sind, gibt es auch keine Glimmfäden mehr und wenn es keine Glimmfäden mehr gibt, dann lösen sich die Feen auf, so wie es mit allen die ich kannte bereits passiert ist. Ich habe solche Angst vor dem Tag, an dem es für mich auch keinen Traumglimmfaden mehr gibt, der mich am Leben hält, denn dann ist der Tag gekommen, wo der letzte Mensch den letzten Traum geträumt hatte."

"Lulu hört doch nicht auf zu Träumen. Sieh sie dir an, sie ist der letzte Mensch, der noch träumen kann. Schau dir die Fee an, Lulu, du schenkst ihr Leben." sprach Parodium zu beiden.

"Ich danke dir dafür, vielen Dank." sie faltete ihre kleine Flügelchen aus und flatterte auf Lulu zu und gab ihr einen Feenkuß auf die Nasenspitze. "Ich wurde immer Rokina gerufen, so ist mein Name. Kann ich denn bei euch bleiben, ich fühle mich sonst so einsam." Und ihr Weinen war verflogen, sie lächelte.

"Natürlich kannst du das. Wir sind auf der Suche nach den Perlen, die aus Drachentränen entstanden sind. Wenn wir diese finden, dann wird es wieder ganz viele deiner Art geben, denn diese bringen den Menschen die Träume zurück und du wärst nicht mehr allein und einsam."

Nun waren sie also ein Dreigespann, ein kleiner Drache, ein kleines Mädchen und eine kleine Fee. Sie verband ein gemeinsamer Wunsch, der Wunsch, der sie stark machte. So stark, dass sie wussten, ihnen könnte nichts passieren, komme was wolle.

Eine so sternenklare Nacht hatten die drei Freunde schon lange nicht mehr gesehen. Parodium erzählte seinen beiden Weggefährten Geschichten über die Sternbilder, die zu sehen waren, die, wie es ihnen schien in dieser Nacht, zum Greifen nah waren. Rokina und Lulu hörten gespannt zu und schraken, wie auch Parodium selber, zusammen, als wie aus dem Nichts ein Donnergrollen zu hören war.

Es kam aus dem Norden, aus der Richtung, welches ihr gemeinsames Ziel war. Alle machten große Augen, als ein Lichtgewitter auf sie zukam. Keine Wolke war am Himmel zu sehen, jedoch schossen die Blitze wie schnell fliegende Kometen auf sie zu. Näher und näher kam es auf sie zu. Die drei umschlangen sich, um sich gegenseitig Schutz zu bieten und sie zitterten vor Angst.

Als sie das Lichtgewitter erreichte hielt es ohne Ankündigung inne. Das tosende Donnergrollen verschwand und aus den Lichtblitzen formte sich eine Gestalt. Diese lichte Gestalt kannten Parodium und Lulu schon aus ihren Träumen, doch noch nie haben sie Zeralon im wachen Zustand erblickt. Der erste Drache seiner Art war ihnen erschienen und sprach:

"Ihr habt den richtigen Weg gewählt. Nun dauert es noch einen Tag und eine Nacht bis ihr zu dem Ort gelangen werdet, wo sich die erste meiner Perlentränen befindet. Doch gebt gut Acht auf euch. Ihr kommt an einen Ort, der da heißt: Der Sumpf der verlorenen Seelen.

Es ist ein gefährlicher Ort, denn sobald ihr vom Wasser des Sumpfes berührt werdet, wird die Hoffnung langsam aus euch weichen. Passt gut auf euch auf, dass ihr nicht nass werdet. Viele haben schon probiert durch diesen Sumpf zu kommen, doch wenn sie mit dem sumpfigen Wasser zu oft in Berührung kamen ertranken sie darin und ihre Hoffnungslosigkeit löste sich in diesem Wasser auf und machte es noch stärker.

Wenn ihr es geschafft habt, diesen Sumpf zu durchqueren, dann seht ihr ein Haus, dort wohnt ein alter Mann. Sein Name ist Kalodorn. Er hat die Perle. Redet mit ihm, denn wenn er euch mag, wird er euch ein Geschenk machen wollen. Das macht er immer so. Wenn ihm eure Gesellschaft gefällt dürft ihr euch etwa aus seinem Besitz aussuchen, egal, was es ist. Ich sage euch aber noch, er ist sehr schwierig, zu dritt werdet ihr es aber schaffen.

Ich wünsche euch viel Glück und gutes Gelingen. Jetzt liegt es an euch. Meine Gedanken werden euch begleiten, auch wenn ich nicht immer bei euch seien kann."

Dann verschwand das Lichtgewitter wieder unter lautem Donnergrollen so plötzlich wie es erschienen war.

Parodium, Lulu und Rokina hatten zwar Angst, vor dem, was ihnen Zeralon eben offenbart hatte, aber nichts konnte sie aufhalten, dass wussten sie, ohne es aus zu sprechen. Ihre Blicke sagten es ihnen.

"Na, dann lasst uns mal weiter gehen, zu diesem Sumpf und ihn besiegen!", der kleine Drache lächelte seine beiden Freundinnen an, sie umarmten sich und gaben sich somit gegenseitig Kraft für ihren Weg. Erst einmal legten sie sich aber schlafen, denn der kleine Drache und das kleine Mädchen mussten doch noch schöne Träume haben, damit die Fee noch mehr Traumglimmfäden bekam, um stärker zu werden für die Abenteuer, welche noch vor ihnen lagen.

Sie gingen am darauf folgenden Tage weiter auf ihrem Weg und ruhten noch eine Nacht. Als sie an diesem Morgen aufbrachen, nach Stunden der Wanderschaft, sahen sie ihn, den Sumpf der verlorenen Seelen, genau so, wie Zeralon ihnen berichtete.

Sie standen vor einen riesigen dunklen Wald, durch den der Weg führte, auf dem sie sich befanden. Dieser wurde im Wald viel schmaler als bisher. Neben diesem Weg konnte man die aufsteigenden Sumpfblasen erkennen, die graubraun aufstiegen und in der Luft zerplatzen, so dass ihre graubraunen Tropen in alle Richtungen zerstreut wurden.

"Oh je, seht ihr? Das ist wie morastiger feiner Nieselregen. Es ist so gut wie unmöglich, dass wir da nicht nass werden." rief Lulu erschrocken aus.

"Ich glaube du hast Recht. Dann werden auch die Traumglimmfäden, die ich jetzt sozusagen in Reserve habe, nass mit diesem Wasser. Ihr habt beide die letzten zwei Nächte so viele schöne Träume gehabt, dass ich nicht alle für mich verbraucht habe, ich habe sie in meiner Tasche." schluchzte Rokina.

"Du hast Traumglimmfäden übrig?" Parodium blickte sie überrascht an.

"Ja, hab ich." rief die Fee aus.

"Sag mal, kann man mit diesen Traumglimmfäden auch etwas anderes weben als eine Fee? Ich habe da nämlich eine Idee."

"Du kannst alles draus weben, es ist wie wenn man normales Garn verarbeiten würde.", versuchte ihm die Fee zu erklären, sie wusste aber noch nicht, worauf er hinaus wollte.

"Dann lasse uns zusammen eine Schutzglocke weben, die wir über uns stülpen können, wenn wir den Sumpf durchqueren, so wie ein Schirm. Ich habe von den alten Drachen jeweils eine Schuppe bekommen, mit denen ich sie rufen kann, wenn ich diese an mein Herz drücke. Ich weiß, dass diese Schuppen Zauberkraft besitzen. Ich werde also aus einem Teil der Perlmuttschuppe von Robion und einem Teil der Hämatitschuppe von Japos ein Pulver herstellen, das wir auf die Traumglimmfädenglocke streuen werden. Somit haben wir den Schutz der Lebendigkeit und den Schutz des Selbstbewusstseins. Da kann uns doch die Hoffnungslosigkeit nicht mehr so viel anhaben können, die von dem Wasser dieses Sumpfes ausgeht." erklärte Parodium seine Idee den beiden Freunden.

"Dann lasse uns das probieren. Komm Rokina, lasse uns anfangen zu weben wärend Parodium das Pulver herstellt." sprach Lulu und nahm die kleine Fee gleich bei der Hand.

Parodium suchte sich zwei Steine, mit denen er die Schuppenteile zermalen konnte.

"Du hast aber wirklich viele Traumglimmfäden in Reserve, das gibt eine richtig gute große Schutzglocke." Lulu freute sich über die Vielzahl der Fäden, welche Rokina inzwischen in ihrem Gepäck hatte.

"Sag ich doch! Ihr beiden seit gute Träumer." Und zum ersten Mal seit dem Anblick des Sumpfes lachten alle drei zusammen und machten sich an die Durchführung ihres Planes.

Während Lulu und Rokina webten, streute Parodium immer wieder Schuppenpulver in die Webfäden, damit der Zauber auch über die ganze Glocke wirken konnte.

Es dauerte fast den ganzen Tag, bis sie ihr Werk vollendet hatten. Sie hatten ihre Glocke gewebt. Traumglimmfäden sind doch stabiler, als sie aussehen. Sie ließen sich verarbeiten wie Weiden zum Korbflechten, der Unterschied jedoch zu einem Weidengeflecht war, das Traumglimmfäden durchscheinend sind.

Diese Glocke sah traumhaft aus. Sie glimmt und glitzerte wie Millionen kleiner Sterne am Nachthimmel.

Die drei fanden Platz unter dieser Traumglimmfadenglocke und setzten nun ihrem Weg durch den Sumpf der verlorenen Seelen fort.

Kaum hatten sie den Weg beschritten, sahen sie auch schon neben sich die graubraunen Sumpfblasen aufsteigen und zerplatzen. Das Sumpfwasser nebelte auf sie zu, doch der Zauber fing an zu wirken. Bevor die Sumpfwassernebel die Glocke berühren konnten verdampften sie einfach, als wie wenn sie nie da gewesen wären.

"Habt ihr das gesehen? Es wirkt. Nun lasst uns so schnell wie möglich hier wieder raus kommen." Parodium schrie fast, jedoch hoch erfreut darüber. So gingen sie eiligen Schrittes den Weg entlang und kamen, immer noch hoffnungsvoll, nach etwa vier Stunden aus dem Sumpf der verlorenen Seelen wieder hinaus.

Drachenzauber ist ganz schön stark.

Kaum aus dem Sumpf heraus sahen sie im Mondlicht das Haus von Kalodorn. Sie wollten ihn in seiner Nachtruhe nicht stören und schlugen deshalb ein Lager in der Nähe des Hauses auf, um selbst im Schlaf Erholung von den vergangenen Stunden zu finden. Rokina freute sich, als die beiden sich schlafen legten, denn durch das Weben der Traumglimmfadenglocke sind ihre Vorräte doch sehr geschrumpft.

"Ich wünsche euch viele schöne Träume." sprach sie zu den beiden, aber sie hörten das nicht mehr, sie schliefen schon.

Die Morgensonne glühte goldenrot am Horizont, als die drei aufwachten. Karlodorns Haus sah aus, wie aus einer anderen Welt in diesem Morgengoldsonnenlicht. Es blitze und schimmerte, schillerte und glimmte. Die Tür wurde urplötzlich aufgerissen und eine kleine, bucklige, griesgrämig dreinschauende Gestalt stand im Türrahmen.

"Schon wieder diese Wegelagerer vor meinem Haus, verschwindet oder ich hetzte die Hunde auf euch. Ich habe sie auf solches Gesindel wie euch abgerichtet und sie sind sehr hungrig. Macht einen Abflug, ich will hier keinen sehen." zeterte diese Gestalt in die Richtung von Parodium, Lulu und Rokina mit erhobener Faust.

Die drei wussten erst gar nicht, wie ihnen geschah, eine solch unfreundliche Begrüßung hatten sie nicht erwartet. Rokina fand als erstes die Sprache wieder: "Einen wunderschönen guten Morgen wünsch ich dir alter Mann." erwiderte sie freundlich mit einer echt feenhaften Stimmlage, es war, als ob ein ganzer Chor singen würde und ein Echo widerhallt. "Wir wollten dich besuchen und sehen .."

Doch weiter kam sie nicht mehr, jäh wurde sie von Karlodorn unterbrochen: "Ach was, ihr seit sicher so wie alle Anderen, die herkommen. Alle hier wissen, dass ich Geschenke mache. Alle kommen nur deswegen her. Ich habe bald nichts mehr und dann werde ich wohl endlich meine Ruhe haben." Mit diesen Worten drehte er sich um, ging ins Haus und schlug die Tür krachend hinter sich zu.

"Und wir sind auch nur hier, wegen der Perle." sprach Parodium zu seinen beiden Freunden. "Ist das nicht traurig? Er weiß, dass wir was von ihm wollen, klar, dass er so reagiert. Er war bestimmt mal ein fröhlicher Mensch, das denk ich mir. Wenn aber immer wieder Menschen zu ihm kommen, die sich nicht mehr mit ihm abgeben, wenn sie das haben, was sie wollten, dann ist mir seine Reaktion klar. Sie nehmen und verschwinden für immer."

Lulu und Rokina nickten verständig. Und nun?

Lulu stand auf und ging in Richtung des Hauses und klopfte an die Tür. Sie wurde nicht gleich geöffnet. Sie klopfte nochmals: "Bitte Karlodorn, mach doch auf. Ja, du hast Recht, wir sind auch nur hier, weil wir was von dir wollen, das leugnen wir gar nicht. Aber höre dir doch wenigstens an, warum wir das von dir wollen."

Da ging die Tür eine Spalt auf: "Das ist ja mal eine ganz neue Masche. Ihr wollt also was von mir und sagt das auch noch gleich. Na gut, da ihr ja wenigstens ehrlich zu sein scheint, will ich herauskommen und hören, was ihr zu sagen habt."

Lulu lächelte ihn sanft an: "Ja komm, setzt dich zu uns und frühstücke mit uns, wir werden dir die Geschichte erzählen."

Auf ihrem Weg hatten die drei immer wieder Dinge gesammelt, die die Menschen achtlos an den Wegrand warfen. Einen kleinen Handwagen, in dem sie alles das sammelten, was sie so fanden: Geschirr, Besteck, Töpfe, Pfannen und noch so allerlei Hausrat, der einfach in den Wald geworfen wurde. Sie bereiteten ein Frühstück: Tee aus frisch gesammelten Kräutern, Eiern, die sie in verlassenen Nestern fanden, buken Brot, dessen Zutaten sie in einem Sack fanden, der wohl bei einem Transport heruntergefallen war.

Beim Frühstück erzählten die drei abwechselnd die Geschichten, die sie hier her gebracht hatte. Sie erzählten Karlodorn, warum sie die Perle haben wollten und erklärten ihm, was dieses ihnen bedeutet. Der alte Mann hörte zu, nickte ab und an mal zustimmend, staunte über die Idee durch den Sumpf der verlorenen Seelen zu gelangen. Er war jedoch sehr still bei Alledem.

Manchmal schien es den dreien, als ob seine Gesichtszüge etwas weicher wurden und nicht mehr so verhärtet, wie zu Anfang ihrer Begegnung. Dann aber ohne irgendeine Vorwarnung sah er wieder aus wie der alte Griesgram. Sie erzählten ihre Geschichten bis zu dem Punkt, an dem sie sich nun gerade befanden. Sie ließen auch nicht das erste Zusammentreffen mit Karlodorn aus, sagten ihm, was sie empfanden dabei.

"Ihr seit doch anders, als die Anderen, die hier her kommen. Die Perle ist gar nicht für euch persönlich."

"Nein, wollen wir nicht." sprach Parodium. "Karlodorn, wir haben jetzt unsere Geschichten erzählt, erzähle uns doch jetzt deine. Es wäre schön für uns, auch etwas mehr über dich zu erfahren."

"Über mich? Ja interessiert euch das denn überhaupt?" Karlodorn kuckte etwas entgeistert, noch niemand wollte je etwas über ihn wissen, nur Geschenke, dass wollten alle.

"Ja!", kam es wie aus einem Mund von den dreien, mehr sagten sie nicht, mehr war auch nicht notwendig. Dann erzählte Karlodorn von früher. Er begann, als er noch ein junger Mann war und seine Frau das erste Mal sah. Erzählte, wie sie sich verliebten, dieses Haus bauten und es mit 5 Kindern mit Leben erfüllten.

Im Laufe der Jahre jedoch verlor er ein Kind nach dem anderen in diesen sinnlosen Kriegen, die hier geführt wurden. Jedes Mal starb damit auch ein Stück von ihm und seiner Frau. Er deutete auf das Feld hinter dem Haus, wo seine Kinder und auch seine Frau begraben lagen. Seine Frau, ihr Name war Hilli, starb nach eine kurzen, schweren Krankheit vor 4 Jahren, seither lebt er alleine in dem Haus. Während er das alles erzählte, lief ihm ab und zu eine Träne über die Wangen. Er hatte schon so lange nicht mehr geweint, er war der Auffassung, er hätte keine Tränen mehr. Doch jetzt, da er erzählte und weinte dabei, wich die Härte aus seiner Seele. Es war so, als würde sie heraus gespült werden.

Mit verschwommenen Augen sah Karlodorn die drei Freunde an, als er seine Lebensgeschichte beendet hatte, auch sie weinten.

Inzwischen war schon Abend und die Nacht brach herein.

"Kommt mit ins Haus, dort könnt ihr schlafen. Ihr braucht nicht unter offenem Himmel zu nächtigen." so lud er sie in sein Haus ein, seine Stimme klang ganz anders als am Morgen, freundlich und weich.

Als sie eintraten sahen sie, dass das Haus angefüllt mit Erinnerungen aus seinem Leben war. Bilder seiner Familie standen überall, Kerzen brannten und erhellten die Rahmen. In der Ecke am Schaukelstuhl stand noch der Wollkorb seiner Frau, darin lag der nicht beendete Pullover, den sie begonnen hatte, bevor sie krank wurde. In der Vitrine erkannten sie eine Sammlung von selbst geschnitztem Holzspielzeug für seine Kinder. Alles das war hier, was ihn an seine Familie erinnerte.

Sie bereiteten alle vier zusammen ein Abendessen. Es war ein sehr schweigsames Essen, die drei Freunde waren sehr ergriffen von alle dem, was sie über den alten Mann erfahren hatten.

Als die drei am Morgen in dem Haus aufwachten, war der alte Mann nicht mehr da. Auf dem gedeckten Frühstückstisch lag eine Schachtel, darauf ein Brief. Lulu öffnete diesen und las ihn den Freunden vor:

"Ich werde euch das Geschenk machen. In der Schachtel findet ihr die rote Perle der Wärme und der Liebe. Das war einer der Schätze meiner Frau, sie hatte sie am Fluss gefunden, als sie unser drittes Kind erwartet hatte. Wir wussten immer, dass diese Perle etwas Besonderes ist, denn wenn wir sie in die Hände nahmen durchströmte und ein warmes wohliges Gefühl, dass aus dem Nichts zu kehren scheint, alle Sorgen schwammen einfach davon.

Passt gut darauf auf, sie ist einmal, wie ihr ja sehr gut wisst.

Ich habe mich heute Nacht dazu entschlossen, noch einmal einen neuen Versuch im Leben zu wagen. Als ich so über euch nachdachte, ihr drei auf eurem Weg ins Ungewisse, da dachte ich mir: tue das auch, was kann dir schon passieren. Ich werde meine Vergangenheit nie vergessen, aber ich will nicht länger in der Vergangenheit leben. Ich möchte sehen, was mir das Morgen noch bringen kann. Wer weiß das schon ....

Parodium, Lulu und Rokina, ich wünsch euch für eure weitere Suche viel Erfolg.

In der Nacht, wo die Träume zu mir zurückkommen werden, weiß ich, dass ihr eure Bestimmung erfüllt habt. Darauf freue ich mich schon jetzt.

Vielleicht begegnen wir uns ja wieder auf einem unserer Wege, aber wer weiß das schon ..."

Die drei hofften, dass sie ihm mal wieder begegnen würden. Sie legten die rote Perle vorsichtig in ihren Handwagen, an eine Stelle, wo sie mit Sicherheit nicht verloren ging.

"Und nun werden wir nach Süden ziehen." sprach Parodium und die beiden folgten ihm.

Der Weg nach Süden führte sie am Sumpf der verlorenen Seelen vorbei. Sie mussten ihn nicht nochmals durchqueren, worüber sie alle sehr froh waren.

Sie folgten dem Fluss, den die Menschen hier in der Gegend den Fluss der vergessenen Träume nannten. Parodium fragte einen den Flussschiffer, denen sie begegneten, wo denn der Name herkam. Dieser schüttelte aber nur mit Kopf: "Keine Ahnung, der heißt schon immer so." Auch die Fischer an dem Ufer des Flusses kannten die Antwort nicht. "Habt ihr denn nichts Wichtigeres zu tun, als euch mit solchen Fragen zu beschäftigen?", das war der einzige Satz, den sie von den Fischern erhielten.

Tage und Nächte vergingen auf ihrer Wanderschaft in den Süden, immer diesem Fluss folgend, der sich durch die Landschaft schlängelte. Am siebten Tag fragte Lulu: "Meinst du, wir sollten dem Fluss noch weiter folgen?"

"Ja, denn irgendetwas in mir sagt, dass es der richtige Weg zu unserem nächsten Ziel, der gelben Perle des Lichts und der Fröhlichkeit, ist. Ich kann es dir nicht erklären, es ist so." Weiter sagte Parodium nichts mehr. Schweigend gingen die drei weiter. Der Drache fragte sich, woher plötzlich die Zweifel bei Lulu kamen. Er überlegte und überlegte. Ob wohl der Fluss etwas damit zu tun hatte?

In dieser Nacht erschien erneut Zeralon, diesmal aber nicht als ein Lichtgewitter, sondern seine Ankunft wurde angekündigt durch ein feuriges Glühen am Horizont. Eine Wolke, die aussah wie die Glut des Lagerfeuers bewegte sich auf die drei Freunde zu. Die Nacht erhielt einen warmen Feuerschein. Diesmal hatten sie aber keine Furcht, denn sie ahnten schon, wer da kam und freuten sich darauf.

"Ihr seit auf dem richtigen Weg. Deine innere Stimme hat es dir gesagt, Parodium, und diese innere Stimme hat meistens Recht. Lausche ihr, sooft du kannst. Auch ihr anderen beiden, hört in euch hinein und die Zweifel werden schwinden. Glaubt ganz fest an das, was ihr tut.

Und du Lulu, du hast im Fluss gebadet und danach kamen dir die Zweifel. Der Fluss ist für die Menschen hier nicht mehr gefährlich, denn sie träumen im Moment nicht. In frühen Zeiten war es jedoch so, dass jemand der im Fluss gebadet hat einen seiner Träume dort im Wasser ließ. So hat er auch seinen Namen bekommen. Er ist verflucht von einem bösen Zauberer.

Einst in dem Königreich, wo die Quelle des Flusses ist, lebte ein wunderschönes Mädchen in einer Hütte am Ufer. Der Zauberer hatte ein Auge auf sie geworfen und wollte sie unbedingt zur Frau. Das Mädchen wies ihn jedoch immer wieder ab, denn sie träumte fast jede Nacht von einem jungen Mann. Es war immer der gleiche Traum. Er kam mit einem Segelboot über den Fluss gefahren und ankerte dann vor ihrer Hütte, er würde sich in sie verlieben und beide lebten bis ans Ende ihrer Tage glücklich zusammen.

Der böse Zauberer lachte anfangs noch über diesen Traum, mit der Zeit verging ihm das Lachen und er wurde wüten über die ständigen Abweisungen. Er beobachtete das Mädchen tagelang, dann fasste er seinen teuflischen Plan.

Er wusste, dass sie morgens im Fluss schwimmen ging, so belegte er das Wasser mit dem Fluch der die Träume schwinden lässt.

So geschah es dann auch. Das Mädchen vergaß nach jedem Bad einen ihrer Träume, als letztes den von dem jungen Mann mit dem Segelboot. Der Zauberer wartete schon auf diesen Tag und als er endlich da war, sagte sie zu seinem Angebot mit ihm zu leben endlich ja. Der Zauberer war so mit sich zufrieden, dass er ganz vergaß, den Fluch wieder vom Wasser des Flusses zu nehmen. Er sah sich nur am Ziel seines Willens. Doch hatte er wirklich dass, was er wollte?

Nein, denn mit jedem vergessenen Traum veränderte sich das Mädchen. Mit den Träumen verschwand auch ihre Sanftheit, ihre Güte, ihre Liebe. Was der Zauberer nun hatte war eine vergrämte, verhärtete, zänkische, ja alte Frau, die keine Freude mehr am Leben hatte. So hat er seine Strafe erhalten für seine Tat.

Dieser Fluss hat schon vielen Leid gebracht, hör auf darin zu baden Lulu. Du bist schließlich der letzte Mensch, der noch träumen kann.

Jetzt dauert es auch nicht mehr sehr lange, dann werdet ihr in dieses Königreich kommen, wo das Unglück mit dem Fluss seinen Anfang nahm.

Diese Hütte an der Quelle steht immer noch. Darin wohnt ein ururalter Mann. Ihr könnt euch schon denken, wer das ist. Er ist der junge Mann, der mit dem Segelboot anlegte. Dies geschah etwa ein halbes Jahr nachdem das Mädchen die Frau des Zauberers wurde. Er fand meine gelbe Perlenträne in einem seiner Fischernetze. Als er die Perle in der Hand hielt erahnte er, was ihn diese Hütte als Ankerplatz wählen lies. Er sitzt immer noch dort und wartet, denn auch er hatte immer wieder von ihr geträumt, dem Mädchen vom Fluss.

Inzwischen hat er aber vergessen, worauf er wartet, denn auch er badet in den Wassern."  Kaum hatte Zeralon diese Sätze gesprochen, war er auch schon in seiner Glutwolke verschwunden und die Glutwolke erhob sich in den nächtlichen Himmel und verschwand aus dem Sichtfeld der drei Freunde.

"Das ist eine sehr traurige Geschichte, nun wissen wir aber, woher der Name kommt und warum Lulu ihre Zweifel hat." Rokina wischte sich bei diesen Worten eine kleine Feenträne aus den Augenwinkeln. Lulu sah dies und küsste ihre Wange, um ihr Trost zu spenden. Mit dem Nass der Feenträne auf ihren Lippen verschwanden die Zweifel. Feen sind kleine Zauberwesen und ihre Tränen können heilen. Lulu wusste das zwar nicht, aber jetzt war alles wieder im Lot.

"Zeralon hat uns gar nicht den Namen des ururalten Mannes von der Hütte verraten." sprach Lulu zu ihren Freunden.

"Sein Name ist Gibion." verriet ihnen Parodium. "Kuckt mich nicht so entgeistert an. Drachen müssen nicht unbedingt Worte gebrauchen, um sich etwas mit zu teilen. Ich hörte Zeralon in meinem Kopf den Namen aussprechen."

Im Morgengrauen machten sie sich wieder auf den Weg, nun kannten sie ihr nächstes Ziel: Die Hütte am Flussquell, wo Gibion sein zu Hause hatte.

Das Licht und die Wärme der aufsteigenden Morgensonne weckte die drei aus ihrem Schlaf. „Ich habe heute Nacht Gibions Geschichte geträumt. Wie er auf Suche ist, dann am Ufer anlegt und nur eine leere Hütte vorfindet. Ich bin immer noch ganz traurig darüber.“ Teilte Lulu ihren Freunden mit.

„Ich träumte auch davon, aber aus der Sicht des Mädchens.“ Erwiderte Parodium.

„Und ihr habt einen gemeinsamen Traumglimmfaden dabei erschaffen, seht nur, wie stark er ist, wie eine Kordel.“ Rokina zeigte ihnen diesen Faden, die beiden Träume waren ineinander verschlungen.

„Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, dass wir den beiden helfen könnten zueinander zu finden.“

„Es gibt diese Möglichkeit.“ Parodium hörte in seinem Inneren die ihm so vertraute Stimme von Lador, dem Bernsteindrachen, als er diese Worte ausgesprochen hatte. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er die Tasche, in denen er die Drachenschuppen der sieben alten Drachen bei sich trug, bei diesen Worten ganz fest an sein Herz drückte. Die Stimme hallte weiter in ihm: „Nimm ein Stück meiner Bernsteinschuppe, sie hat heilende Kräfte, da ich der Bewahrer der Gesundheit bin, sowohl der körperlichen als auch der geistigen. Dann nimm etwas Wasser aus dem Fluss der vergessenen Träume und den Traumglimmfaden, den ihr heute Nacht zusammen gesponnen habt. Daraus bereitet einen Tee und gebt diesen Gibion zu trinken. Meine Schuppe wird den bösen Zauber von dem Wasser nehmen und der Traumglimmfaden wird ihm die Erinnerung zurückbringen.“

„Habt ihr das auch gehört?“ wollte Parodium von Rokina und Lulu wissen. Beide schüttelten mit dem Kopf, sie hatten nichts gehört, denn so konnten sich nur Drachen untereinander verständigen. Also wiederholte er die Worte von Lador für seine Freunde.

„Lass uns damit aber warten, bis wir Gibion und seine Hütte gefunden haben, damit der Tee auch frisch ist und seine ganze Heilkraft erhalten wirken kann.“ Sprach Lulu zu Rokina, die schon den Traumglimmfaden in einen Topf werfen wollte. „Ja, gut. Warten wir noch.“ Sagte Rokina.

Nach dem Frühstück brachen sie auf, weiter den Fluss entlang. Am späten Nachmittag diesen Tages sahen sie die Hütte und einen alten Mann, der am Fluss saß und angelte. Er sah die drei von weitem kommen. Gibion begrüßte sie sehr freundlich: „Hallo ihr Wanderer, seit gegrüßt. Ich freue mich wieder einmal jemanden hier zu sehen, es ist eine sehr einsame Gegend hier, verirren tut sich kaum jemand. Darf ich euch in meine Hütte einladen? Ich habe frisches Brot gebacken und gestern frischen Honig aus dem Wald geholt.“

„Danke sehr, natürlich werden wir ein wenig bleiben.“ Kam es den dreien wie aus einem Mund. Mit einer solchen Freundlichkeit war ihnen noch niemand auf ihrem Weg bisher begegnet.

„Ja, eine einsame Gegend ist das hier. Die meiste Zeit rede ich mit mir selbst, um überhaupt eine Stimme zu hören.“ Eine Traurigkeit schwang in der Stimme des alten Mannes mit. „Ich sitze hier seit Jahren und warte auf etwas, aber ich kann mich einfach nicht mehr daran erinnern, was es ist. Ich werde doch langsam alt. Alles vergesse ich.“

„Wir kennen deine Geschichte Gibion, wir werden sie dir erzählen. Vorher aber kochen wir dir einen besonderen Tee, er wird dir dabei helfen, das deine Erinnerung zurück kehrt.“ Sprach Parodium zu ihm, Lulu holte bereits das Wasser vom Fluss und Rokina packte ganz aufgeregt den dicken Traumglimmfaden aus.

„Das wollt ihr für mich tun?“ seine Augen sahen bei diesen Worten nicht mehr ganz so leer aus wie die ganze Zeit. Ein kleines Flackern konnte man darin erkennen. Der Drache nickte ihm zu und fing an, den Tee zu bereit: Ein Stück der Bernsteinschuppe für die Heilung, ein Stück des Traumglimmfadens für die Erinnerung, dann goss er das Wasser des Flusses darüber und kochte alles zusammen. Er gab Gibion eine Tasse von dem Tee und während er diesen trank erzählten ihm die drei seine Geschichte, wie sie diese von Zeralon hörten.

Mit jedem Schluck und jedem Wort kehrten die Erinnerungen zu Gibion zurück. Man sah es ihm an, seine Augen wurden wärmer und wärmer. Doch gleichzeitig stellte sich die Traurigkeit bei ihm ein. „Jetzt sitze ich hier so viele Jahre im Vergessen und wahrscheinlich nicht all zu weit weg liegt das Glück, dass ich gesucht hatte. Ob sie noch lebt?“ fragte er die drei.

Darauf konnten sie ihm aber keine Antwort geben. „Du solltest sie suchen. Wir geben dir von den Zutaten des Tees mit, dann kannst du ihr den kochen und sie wird sich auch erinnern können. Vielleicht hast du ja Glück und du findest sie. Du hast gesehen, wie er zubereitet wird.“ Parodium reichte ihm mit diesen Worten den Traumglimmfaden und ein Stück der Bernsteindrachenschuppe. Gibion holte seine Feldflasche vom Regal, um das Wasser des Flusses darin zu transportieren. Er spülte sie aus und heraus kullerte die gelbe Tränenperle von Zeralon. „Die hatte ich auch schon ganz vergessen, diese Perle fischte ich einmal mit aus dem Fluss. Ich hab sie hier rein getan, damit sie nicht verloren geht. Seht sie euch an, wie schön sie schimmert und wenn ihr sie anfasst müsst ihr unweigerlich lächeln.

Ich möchte sie euch schenken. Ihr habt so viel für mich getan, ihr wisst das glaub ich gar nicht. Mein Leben hat nun wieder einen Sinn gefunden.“

„Wir danken dir so sehr. Wir wollen dir nun noch eine Geschichte erzählen, die Geschichte dieser Perle, der gelben Perle der Freude, des Lichts und der Fröhlichkeit.“ Und der Drache erzählte ihm die Geschichte ihrer Suche.

„Ich bin glücklich darüber, euch auch geholfen zu haben.“ Lächelte sie Gibion an. „Nun mache ich mich aber auf meine Suche nach dem Mädchen vom Ufer des Flusses.“

Sie winkten Gibion hinterher, der sich im weichen Licht des Abendrots auf seinen Weg machte.

„Hoffentlich findet er sie.“ Rokina schniefte ein wenig.

Sie blieben noch eine Nacht im Schutze der Hütte am Ufer des Flusses und machten sich am nächsten Tag auf, um die grüne Perle der Wünsche und Hoffnungen im Osten zu suchen.

Der Weg in den Osten führte sie in die kalten Regionen des Landes. Ein eiskalter starker Wind schlug ihnen entgegen. Sie gaben sich gegenseitig so viel Schutz sie eben konnten, hüllten sich in Decken, um nicht zu erfrieren. Parodium benutzte nun oft sein Drachenfeuer, schmolz die Eisblöcke, die sie am Weg fanden, brachte das geschmolzene Wasser zum Kochen und bereitete heißen Tee aus Kräutern, die sie auf ihrem Weg gesammelt hatten. So wärmten sie sich auch ein wenig von innen auf.

So wanderten sie Tage lang auf dem Weg nach Osten und froren, der Weg schien kein Ende zu finden.

In der Nacht des 17 Tages erschien ihnen Zeralon, diesmal kündigte sich sein Kommen durch einen wärmenden Wind an, der sie für einige Zeit das Frieren vergessen ließ.

„Ihr habt es bald geschafft, der Weg endet in 4 Tagen im Eiswald. Dort im Eiswald werdet ihr einen riesig großen Eispalast sehen, dort wohnt Greta. Sie ist die Königin. In früheren Zeiten war diese hier ein warmes, grünes Land, bis Greta Königin wurde. Die Kälte ihres Herzen ist so stark, dass es sich auf die gesamte Umgebung ausbreitet. Sie kennt kein warmes Gefühl. Wenn sie jemanden berührt erstarrt dieser sofort zu Eis.

Alle ihre Untertanen haben sehr viel Angst vor ihr, denn sie benutzt diese Fähigkeit, um ihren Willen durch zu setzen. Wenn ihr jemand widerspricht berührt sie ihn und dieser erstarrt scheinbar für immer. Seit sehr vorsichtig mit ihr, kommt ihr nie zu nahe.

Sie ist auch im Besitz der der grünen Tränenperle. Diese ist das einzige, was ihr bisher nicht gelang, in Eis zu verwandeln. Sie versucht ständig, die Tränenperle in ihre Krone zu setzen, sie bleibt jedoch nicht dort und fällt von der Krone ab. Greta wird dadurch immer wütender und kälter, ihr selbst könnt es spüren, die Kälte hier im Land breitet sich immer weiter aus.

Wenn sie nur einmal die grüne Tränenperle mit bloßen Händen berühren würde, könnte sich der Zauber der Perle bei ihr ausbreiten. Der Zauber der Wünsche und Hoffnungen ist sehr stark und er würde ihr warme Gefühle schenken, somit wäre ihre Macht gebrochen. Greta trägt sowohl am Tage wie auch in der Nacht Glacehandschuhe, die einen direkten Kontakt mit der Perle verhindern.“

Der warme Wind verschwand und mit ihm Zeralon.

„Das ist ja furchtbar. Die Kälte breitet sich immer weiter aus, diese wird auch vor Grenzen nicht halt machen. Irgendwie müssen wir es schaffen, dass Greta die Perle berührt, sonst wird sich die ganze Welt in eine Eiswelt verwandeln.“ Sprach Parodium zu seinen beiden Begleitern. Sie waren sich einig, auch wenn keiner etwas sagte, dass sie es versuchen würden. Es musste eine Möglichkeit geben es zu schaffen, dass Greta die Perle ohne ihre Handschuhe berührte.

Je näher sie an den Eispalast kamen, desto öfter sahen sie zu einem Eisblock erstarrten Menschen, die Greta berührt hatte. Sie standen erstarrt in der Tätigkeit, welche sie gerade ausübten, da. Die drei Freunde sahen seilspringende Kinder, eine Frau, die gerade ihre Wäsche aufhängen wollte, einen Bauern, der sein Feld pflügte und noch viele, viele andere. Was mochten all diese Menschen wohl zu Greta gesagt haben, dass sie einen solchen Zorn entwickelte und sie in Eisblöcke verwandelt hat?