
Die kleinen Leute von Swabedoo
(AutorIn unbekannt,
angelehnt an ein philippinisches Volksmärchen)
Vor langer, langer Zeit lebten kleine Leute auf der Erde. Die meisten von ihnen
wohnten im Dorf Swabedoo, und sie nannten sich Swabedoodahs. Sie waren sehr
glücklich und liefen herum mit einem Lächeln bis hinter die Ohren und grüßten
jedermann.
Was die Swabedoodahs am meisten liebten, war, einander warme, weiche Pelzchen zu
schenken. Ein jeder von ihnen trug über seine Schulter einen Beutel, und der
Beutel war angefüllt mit weichen Pelzchen. So oft sich Swabedoodahs trafen, gab
der eine dem anderen ein Pelzchen. Es ist sehr schön, ein warmes, weiches
Pelzchen zu schenken. Es sagt dem anderen, daß er etwas Besonderes ist, es ist
eine Art zu sagen: "Ich mag Dich!" Und ebenso schön ist es, von einem anderen
ein solches Pelzchen zu bekommen. Du spürst, wie warum und flaumig es an deinem
Gesicht ist, und es ist ein wundervolles Gefühl, wenn du es sanft und leicht zu
den anderen in deinen Beutel legst. Du fühlst dich anerkannt und geliebt, wenn
jemand dir ein Pelzchen schenkt, und du möchtest auch gleich etwas Gutes,
Schönes tun. Die kleinen Leute von Swabedoo gaben und bekamen gern weiche, warme
Pelzchen, und ihr gemeinsames war ganz ohne Zweifel sehr glücklich und fröhlich.
Außerhalb des Dorfes, in einer kalten, dunklen Höhle, wohnte ein großer, grüner
Kobold. Eigentlich wollte er gar nicht allein dort draußen wohnen, und manchmal
war er sehr einsam. Er hatte schon einige Male am Rand des Dorfes gestanden und
sich gewünscht, er könnte dort mitten unter den fröhlichen Swabedoodahs sein -
aber er hatte nichts, was er hätte dazutun können - und das Austauschen von
warmen, weichen Pelzchen hielt er für einen großen Unsinn. Traf er einmal am
Waldrand einen der kleinen Leute, dann knurrte er nur Unverständliches und lief
schnell zurück in seine feuchte dunkle Höhle.
An einem Abend, als der große, grüne Kobold wieder einmal am Waldrand stand,
begegnete ihm ein freundlicher kleiner Swabedoodah. "Ist heute nicht ein schöner
Tag?" fragte der Kleine lächelnd. Der grüne Kobold zog nur ein grämliches
Gesicht und gab keine Antwort. "Hier, nimm ein warmes, weiches Pelzchen", sagte
der Kleine, "hier ist ein besonders schönes. Sicher ist es für Dich bestimmt,
sonst hätte ich es schon lange verschenkt." Aber der Kobold nahm das Pelzchen
nicht. Er sah sich erst nach allen Seiten um, um sich zu vergewissern, daß auch
keiner ihnen zusah oder zuhörte, dann beugte er sich zu dem Kleinen hinunter und
flüsterte ihm ins Ohr: "Du, hör mal, sei nur nicht so großzügig mit deinen
Pelzchen, Weißt du denn nicht, daß du eines Tages kein einziges Pelzchen mehr
besitzt, wenn du sie immer so einfach an jeden, der dir über den Weg läuft,
verschenkst?" Erstaunt und ein wenig hilflos blickte der kleine Swabedoodah zu
dem Kobold hoch. Der hatte in der Zwischenzeit den Beutel von der Schulter des
Kleinen genommen und geöffnet. Es klang richtig befriedigt, als er sagte: "Hab
ich es nicht gesagt! Kaum mehr als 217 Pelzchen hast du noch in deinem Beutel.
Also, wenn ich du wäre: ich würde vorsichtig mit dem Verschenken sein!" Damit
tappte der Kobold auf seinen großen, grünen Füßen davon und ließ einen
verwirrten und unglücklichen Swabedoodah am Waldrand zurück. Er war so verwirrt,
so unglücklich, daß er gar nicht darüber nachdachte, daß das, was der Kobold da
erzählte, überhaupt nicht sein konnte. Denn jeder Swabedoodah besaß einen
unerschöpflichen Vorrat an Pelzchen. Schenkte er ein Pelzchen, so bekam er
sofort von einem anderen ein Pelzchen, und dies geschah immer und immer wieder,
ein ganzes Leben lang - wie sollten dabei die Pelzchen ausgehen?
Auch der Kobold wußte das - doch er verließ sich auf die Gutgläubigkeit der
kleinen Leute. Und noch auf etwas anderes verließ er sich, etwas, was er an sich
selbst entdeckt hatte, und von dem er wissen wollte, ob es auch in den kleinen
Swabedoodahs steckte. So belog er den kleinen Swabedoodah ganz bewußt, setzte
sich in den Eingang seiner Höhle und wartete.
Vor seinem Haus in Swabedoo saß der kleine, verwirrte Swabedoodah und grübelte
vor sich hin. Nicht lange, so kam ein guter Bekannter vorbei, mit dem er schon
viele warme, weiche Pelzchen ausgetauscht hatte. "Wie schön ist dieser Tag!"
rief der Freund, griff in seinen Beutel und gab dem anderen ein Pelzchen. Doch
dieser nahm es nicht freudig entgegen, sondern wehrte mit den Händen ab. "Nein,
nein! Behalte es lieber", rief der Kleine, "wer weiß, wie schnell sonst dein
Vorrat abnimmt. Eines Tags stehst du ohne Pelzchen da!" Der Freund verstand ihn
nicht, zuckte mit den Schultern, packte das Pelzchen zurück in seinen Beutel und
ging mit leisem Gruß davon. Aber er nahm verwirrte Gedanken mit, und am gleichen
Abend konnte man noch dreimal im Dorf hören, wie ein Swabedoodah zum anderen
sagte: "Es tut mir leid, aber ich habe kein warmes, weiches Pelzchen für Dich.
Ich muß darauf achten, daß sie mir nicht ausgehen."
Am kommenden Tag hatte sich dies alles im ganzen Dorf ausgebreitet. Jedermann
begann, seine Pelzchen aufzuheben. Man verschenkte zwar immer noch ab und zu
eines, aber man tat es erst nach langer, gründlicher Überlegung und sehr, sehr
vorsichtig. Und dann waren es zumeist nicht die ganz besonders schönen Pelzchen,
sondern die mit kleinen Stellen und schon etwas abgenutzten.
Die kleinen Swabedoodahs wurden mißtrauisch. Man begann, sich argwöhnisch zu
beobachten, man dachte darüber nach, ob der andere wirklich ein Pelzchen wert
war. Manche trieben es soweit, daß sie ihre Pelzbeutel nachts unter den Betten
versteckten. Streitigkeiten brachen darüber aus, wieviele Pelzchen der oder der
besaß. Und schließlich begannen die Leute, warme, weiche Pelzchen gegen Sachen
einzutauschen, anstatt sie einfach zu verschenken. Der Bürgermeister von
Swabedoo machte sogar eine Erhebung, wieviele Pelzchen insgesamt vorhanden
waren, ließ dann mitteilen, daß die Anzahl begrenzt sei und rief die Pelzchen
als Tauschmittel aus. Bald stritten sich die kleinen Leute darüber, wieviele
Pelzchen eine Übernachtung oder eine Mahlzeit im Hause eines anderen wert sein
müßte. Wirklich, es gab sogar einige Fälle von Pelzchenraub! An dämmerigen
Abenden fühlte man sich draußen nicht mehr sicher, an Abenden, an denen früher
die Swabedoodahs gern im Park oder auf den Straßen spazieren gegangen waren, um
einander zu grüßen, um sich warme, weiche Pelzchen zu schenken.
Oben am Waldrand saß der große, grüne Kobold, beobachtete alles und rieb sich
die Hände.
Das Schlimmste von allem geschah ein wenig später. An der Gesundheit der kleinen
Leute begann sich etwas zu verändern. Viele beklagten sich über Schmerzen in den
Schultern und im Rücken, und mit der Zeit befiel immer mehr Swabedoodahs eine
Krankheit, die Rückgraterweichung genannt wird. Die kleinen Leute liefen gebückt
und in schweren Fällen bis zum Boden geneigt umher. Die Pelzbeutelchen
schleiften auf der Erde. Viele fingen an zu glauben, daß die Ursache ihrer
Krankheit das Gewicht der Beutel sei, und daß es besser wäre, sie im Hause zu
lassen und dort einzuschließen. Es dauerte nicht lange, und man konnte kaum noch
einen Swabedoodah mit einem Pelzbeutel auf dem Rücken antreffen.
Der große, grüne Kobold war mit dem Ergebnis seiner Lüge sehr zufrieden. Er
hatte herausfinden wollen, ob die kleinen Leute auch so handeln und fühlen
würden wie er selbst, wenn er, wie das fast immer der Fall war, selbstsüchtige
Gedanken hatte. Sie hatten so gehandelt! Und der Kobold fühlte sich sehr
erfolgreich.
Er kam jetzt häufiger einmal in das Dorf der kleinen Leute. Aber niemand grüßte
ihn mit einem Lächeln, niemand bot ihm ein Pelzchen an. Statt dessen wurde er
mißtrauisch angestarrt, genauso, wie sich die kleinen Leute untereinander
anstarrten. Dem Kobold gefiel das gut. Für ihn bedeutete dieses Verhalten die
"wirkliche Welt"!
In Swabedoo ereigneten sich mit der Zeit immer schlimmere Dinge. Vielleicht
wegen der Rückgraterweichung, vielleicht aber auch deshalb, weil ihnen niemand
mehr ein warmes, weiches Pelzchen gab - wer weiß es genau? - starben einige
Leute in Swabedoo. Nun war alles Glück aus dem Dorf verschwunden. Die Trauer war
sehr groß.
Als der große, grüne Kobold davon hörte, war er richtig erschrocken. "Das wollte
ich nicht", sagte er zu sich selbst, "das wollte ich bestimmt nicht. Ich wollte
ihnen doch nur zeigen, wie die Welt wirklich ist. Aber ich habe ihnen doch nicht
den Tod gewünscht." Er überlegte, was man nun machen könnte, und es viel ihm
auch etwas ein.
Tief in seiner Höhle hatte der Kobold einen Mine mit kaltem, stacheligen Gestein
entdeckt. Er hatte viele Jahre damit verbracht, die stacheligen Steine aus dem
Berg zu graben und sie in eine Grube einzulagern. Er liebte dieses Gestein, weil
es so schön kalt war und so angenehm prickelte, wenn er es anfaßte. Aber nicht
nur das: er liebte diese Steine auch deshalb, weil sie alle ihm gehörten und
immer, wenn er davor saß und sie ansah, war das Bewußtsein, einen großen
Reichtum zu besitzen, für den Kobold ein schönes, befriedigendes Gefühl.
Doch jetzt, als er das Elend der kleinen Swabedoodahs sah, beschloß er, seinen
Steinreichtum mit ihnen zu teilen. Er füllte ungezählte Säckchen auf einen
großen Handkarren und zog damit nach Swabedoo.
Wie froh waren die kleinen Leute, als sie die stacheligen, kalten Steine sahen!
Sie nahmen sie dankbar an. Nun hatten sie wieder etwas, was sie sich schenken
konnten. Nur: wenn sie einem anderen einen kalten, stacheligen Stein gaben, um
ihm zu sagen, daß sie ihn mochten, dann war in ihrer Hand und auch in der Hand
desjenigen, der den Stein geschenkt bekam, ein unangenehmes, kaltes Gefühl. Es
machte nicht so viel Spaß, kalte, stachelige Steine zu verschenken wie warme,
weiche Pelzchen. Immer hatte man ein eigenartiges Ziehen im Herzen, wenn man
einen stacheligen Stein bekam. Man war sich nicht ganz sicher, was der
Schenkende damit eigentlich meinte. Der Beschenkte blieb oft verwirrt und mit
leicht zerstochenen Fingern zurück.
So geschah es nach und nach immer häufiger, daß ein kleiner Swabedoodah unter
sein Bett kroch, den Beutel mit den warmen, weichen Pelzchen hervorzog, sie an
der Sonne ein wenig auslüftete, und, wenn einer ihm einen Stein schenkte, ein
warmes, weiches Pelzchen dafür zurückgab. Wie leuchteten dann die Augen des
Beschenkten! Ja, mancher lief schnell in sein Haus zurück, kramte den Pelzbeutel
hervor, um auch an Stelle des stacheligen Steines ein Pelzchen zurückzuschenken.
Man warf die Steine nicht fort, o nein! Es holten auch nicht alle Swabedoodahs
ihre Pelzbeutelchen wieder hervor. Die grauen, stacheligen Steingedanken hatten
sich zu fest in den Köpfen der kleinen Leute eingenistet. Man konnte es aus den
Bemerkungen heraushören:
- Weiche Pelzchen? Was steckt wohl dahinter?
- Wie kann ich wissen, ob meine Pelzchen wirklich erwünscht sind?
- Ich gab ein warmes, weiches Pelzchen, und was bekam ich dafür? Einen kalten,
stacheligen Stein! Das soll nicht noch einmal
passieren.
- Man weiß nie, woran man ist: heute Pelzchen, morgen Steine.
Wahrscheinlich wären alle kleinen Leute von Swabedoo gern zurückgekehrt zu dem,
was bei ihren Großeltern noch ganz natürlich war. Mancher sah auf die Säckchen
in einer Ecke seines Zimmers, angefüllt mit kalten, stacheligen Steinen, auf
diese Säckchen, die ganz eckig waren und so schwer, daß man sie nicht mitnehmen
konnte. Häufig hatte man nicht einmal einen Stein zum Verschenken bei sich, wenn
man einem Freund begegnete. Dann wünschte der kleine Swabedoodah sich im
geheimen und ohne es laut zu sagen, daß jemand kommen möge, um ihm warme, weiche
Pelzchen zu schenken. In seinen Träumen stellte er sich vor, wie sie alle auf
der Straße mit einem fröhlichen, lachenden Gesicht herumgingen und sich
untereinander Pelzchen schenkten, wie in den alten Tagen. Wenn er dann
aufwachte, hielt ihn aber immer etwas davon zurück, es auch wirklich zu tun.
Gewöhnlich war es das, daß er hinausging und sah, wie die Welt "wirklich ist"!
Das ist der Grund, warum das Verschenken von warmen, weichen Pelzchen nur noch
selten geschieht, und niemand tut es in aller Öffentlichkeit. Man tut es im
geheimen und ohne darüber zu sprechen. Aber es geschieht! - Hier und dort, immer
wieder. Ob Du vielleicht auch eines Tages ...?
ICH SCHENKE EUCH ALLEN EIN WARMES, WEICHES PELZCHEN
